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Die Herkunft der Hunde

Der Haustierforscher C.KelIer leitet den St. Bernhardshund vom römischen «Molosser» ab, einem Hund, der direkt von der grossen zottigen Tibet-Dogge abstammen sollte. Marco Polo (1290) hat die Tibet-Dogge als «gross wie ein Esel» beschrieben. (So gross war sie freilich nie.) Vom tibetanischen Hochlande aus soll der Tibethund nach Nepal und Indien und von da in den babylonisch-assynschen Kulturkreis gekommen sein. Alexander der Grosse soll ihn nach Griechenland gebracht haben, wo er der Ausgangspunkt für die nachmalig bekannte Zucht der Molosser wurde.

Mit scharfsinnigen und in ihrer Klarheit bestechenden Überlegungen versucht nun vor allem Tschudy den Beweis zu erbringen, dass die Phönizier zwischen 1200 und 1100 v.Chr. von Zypern aus nach Westen vordrangen, Kolonien in Sizilien, Spanien, Frankreich und England anlegten, und dass deshalb Nachkömmlinge der assyrischen Doggen gerade an den alten Handelsstrassen der Phönizier zu finden seien, in Spanien der grosse Pyrenäenhund, in Frankreich die Bordeaux-Dogge, in England der Mastiff und in der Schweiz der St. Bernhardshund.

Strebel ist nun der Molosser-Frage sehr eingehend nachgegangen. Nach Sichtung aller bekannten schriftlichen Zeugnisse antiker Schriftsteller kommt er zum zwingenden Schluss, dass in der Antike neben einem grossen, meistens dunkel gefärbten, doggenartigen Hund, wie ihn die Assyrer und Babylonier abbildeten, ein hellfarbiger leichterer Hund gehalten wurde, der sowohl zur Jagd wie zum Dienst bei den Herden Verwendung fand. Dieser helle Hund dürfte der Molosser gewesen sein. Sämtliche bis heute bekannt gewordenen griechischen und römischen bildlichen Darstellungen des «Molossers» zeigen einen grossen, muskulösen Hund mit Stehohren, einem trockenen Kopf und einer mähnenartigen Halskrause. Die Ringelrute der assyrischen Doggen, an sich doch ein sehr auffälliges Merkmal, wird von den Griechen und Römern weder abgebildet noch schriftlich erwähnt.

Eine direkte Verwandtschaft des Molossers mit der Tibet-Dogge scheint deshalb sehr unwahrscheinlich. So liebevoll und so scharfsinnig Keller, Krämer, Tschudy, Heim und andere die Abkunft des Bernhardiners und der Sennenhunde via Molosser von der Iibet-Dogge herleiten, und so sehr dies in das Konzept der darwinistischen Theorie zu passen schien, sie hält einer kritischen Betrachtung nicht stand. Es gibt weder einen schriftlichen, noch einen bildlichen, noch einen osteologischen Beweis, dass diese schweizerischen Rassen ihren Ursprung im tibetanischen Hochlande haben sollen!

Prof. Th.Studer, der Erforscher des Haushundes und Bearbeiter der neolithischen Haustierfunde aus den schweizerischen Pfahlbauten, weist bei der Besprechung des hallstattzeitlichen Schädels von Karlstein darauf hin, dass in der Bronzezeit im Alpengebiet ein mittelgrosser, doggenartiger Hund vorkam, der also nicht erst in historischer Zeit hier eingeführt worden war, sondern autochthon seit prähistorischer Zeit vorhanden war. An anderer Stelle spricht er von der «Kollektivrasse der grossen Alpenhunde», aus der sich mühelos verschiedene heutige Rassen ableiten liessen.

 

Ich schliesse mich deshalb Haucks Meinung an, wenn er sagt: «Mit antiken Berichten über die Verpflanzung asiatischer schwerer Doggen nach Europa lässt sich nichts anfangen. Weder Knochenfunde noch eindeutige Kunstdarstellungen gestatten die einwandfreie Nachprüfung.»

Sowohl Studer wie Hauck kommen schliesslich zur Ansicht, dass sich die europäischen Doggen aus jungstein- zeitlichen Formen des Haushundes entwickeln liessen, also zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten entstanden sein können.

Jedenfalls sind weder grosse Völkerwanderungen noch ausgedehnte vorgeschichtliche Handelsbeziehungen zwischen Ost und West nötig, um das Vorhandensein ähnlicher Rassetypen an verschiedenen Orten zu erklären. Die Möglichkeit, aus dem einmal domestizierten Hund verschiedene Rassen zu bilden, war überall gegeben und überall die gleiche.

Eine Differenzierung nach Gebrauchszwecken, in Wach-, Jagd- und Hirtenhunde, später auch in Begleit- und Schosshunde, schälte sich erst in historischer Zeit allmählich heraus, wobei der «Mehrzweckhund» bis weit in die neueste Zeit hinein der vorherrschende Typ war und der Bastard die rein gezüchteten Rassen zahlenmässig bei weitem überwog.

So waren die direkten Vorfahren unserer schweizerischen Rassen, die gegen Ende des letzten Jahrhunderts als erste in die Zuchtbücher übernommen wurden, noch keineswegs reinerbige, durchgezüchtete Rassen, sondern bestimmte Gebrauchstypen, aus denen die Züchter in wenigen Generationen nach einem festgelegten ldealtyp die heutigen Rassen schufen. Der Umstand, dass diese Rassen relativ früh ein einheitliches Bild zeigten, ist kaum ein Beweis für die Existenz «seit jahrhunderten durchgezüchteter» Rassen der Ausgangstiere.

 

 

 

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Letzte Aktualisierung: 03-01-2012