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Beginn der Reinzucht «Zu Beginn der Reinzucht konnten die begeisterten Zukunftzüchter nur sehr wenige Hunde vom Hospiz direkt erhalten, wohl aber fanden sie in vielen Gegenden des Landes grosse Hofund Küherhunde, teilweise völlig unbekannten Ursprungs, die alle mehr oder weniger deutlich die Abstammung von St.Bernhardshunden oder die für den Zweck fast gleichwertige Abstammung von den Stammeseltern der St.Bernhardshunde zeigten», schreibt B. Siegmund 1893. Und Dr. Straumann, ein weiterer Kenner der Situation, erinnerte sich, auf dem Märit in Bern viele Zughunde gesehen zu haben, die nach Bau, Körpergrösse, Typ und Farbe als Bernhardiner angesprochen werden konnten. Der Hund war also überall da, nicht nur auf dem Hospiz. ![]() Hospizhund um das Jahr 1910 So lagen die Dinge, als Heinrich Schu- macher, Metzger und Wirt in Holligen bei Bern, Ende der fünfziger Jahre mit der Zucht der Bernhardiner begann. Er war der erste, der ein Zuchtbuch anlegte und seinen Hunden Abstammungsurkunden mitgab, und muss somit als der Begründer der Reinzucht angesprochen werden. Stammvater seiner Zucht war der schon einmal erwähnte Barry 1, ein langhaariger, roter Rüde mit weissen Abzeichen, dessen Voreltern in den dreissiger Jahren vom Hospiz in den Besitz des Grafen von Rougemont nach Löwenberg gekommen waren; als Stammutter gibt Schumacher die Hündin «Blässi» an, langhaarig mit braunen Platten, vermutlich 1856 geboren, Abstammung Hospizhunde. Aus diesem Paar kam der Rüde Sultan 1, geworfen 1 861, stockhaarig, weiss mit rot-schwarz gestromten Platten. Dieser Rüde wurde mit Diana 1 gepaart, einer gelben Hündin mit weissen Abzeichen und dunkler Maske. Sie war stockhaarig, ihr Vater war ein Hospizhund, die Mutter unbekannter Herkunft. Aus diesem Paar entstammte die damals berühmte Hündin Favorita 1, die, zusammen mit dem Rüden Sultan 1, anno 1867 an der Weltausstellung in Paris eine goldene Medaille gewann. Der gleichen Verbindung entstammten der Rüde Barry II und die Hündin Toni 1. Favorita 1 und Barry II hatten gestromte Platten, Toni l war langhaarig. Aus dem von Schumacher «neu redigirt und korrigirt» am 22. Oktober 1886 herausgegebenen «Stammbaum stockhaarige St. BernhardsHunderasse» geht hervor, dass Schumacher wohl in der 3.Generation mehrmals Hospizhunde einkreuzte, sonst aber eine rigorose Inzucht trieb und offenbar von der 3.Generation weg nur noch mit stockhaarigen Hunden züchtete. Schumacher stand in ständigem Kontakt zum Hospiz, sein Zuchtziel war die Rekonstruktion des alten Barrytyps. Ab 1862 verkaufte er regelmässig Hunde nach England, den USA und auch nach Russland. Der Rüde Apollo ging 1881 für 2000 Dollar nach Amerika, er ist im Metropolitan Museum als Stopfpräparat zu sehen. Während Schumacher beharrlich an einer Wiedergeburt des alten Barry arbeitete, folgten die andern Züchter dem Zeitgeist und züchteten Hunde mit schweren Köpfen, mit stark vom Hirnschädel abgesetzten, breiten und kurzen Schnauzen und mit mehr oder weniger starkem Vorbiss, also «rachitische Wasserköpfe», wie Dr. Künzli diese Hunde nannte. Alles, was irgendwie einem Bernhardiner glich, war für die Zucht gut genug. So schreibt Dr. Th.Künzli über die Bernhardiner an der Ausstellung in Thun vom 12. bis 14. August 1899: «Wir sahen unter anderem Exemplare, die ganz bedenklich mit den brävsten Metzgerhunden Ähnlichkeit hatten. Ein Krebsübel ist die Rücksichtslosigkeit, mit der die Züchter die Ausserachtlassung einer richtigen Hinterhand behandeln und glauben, einzig und allein Köpfe züchten zu müssen ..., so zeigten die meisten Rüden, oft von ganz hervorragendem Typus und mit mächtigen Köpfen mehr oder weniger miserable Hinterhand und wackeligen, unbeholfenen Gang.» «Eine weitere Unterlassungssünde wird dadurch begangen, dass man den Hospizalbinismus in den Köpfen nicht hinauszuzüchten sich entschliesst» ... «Es ist eben keine Kleinigkeit, gegen den Strom zu schwimmen, denn die Mode hat eine grosse Macht», doppelt A. Tagmann in der «Tierbörse» nach. Der Wirrwarr war beträchtlich. Die Meinungen, wie der echte Bernhardiner auszusehen hätte, gingen weit auseinander. An das Hospiz konnte man sich nicht halten, weil es keinen einheitlichen Hospiztyp gab. Er änderte sich oft innerhalb kurzer Zeit, massgebend waren die jeweils neu auf das Hospiz gebrachten Hunde, wenn der Hospizstamm wieder einmal am Erlöschen war. Die Deutschen stellten einen eigenen Standard auf, liessen den Namen Bernhardiner fallen und gaben der Rasse den Namen «Alpenhund», und so konnte es soweit kommen, dass ein und derselbe Hund an einer ersten Ausstellung als «Alpenhund», an einer zweiten als «Bernhardiner» und an einer dritten als «Leonberger» jeweils einen ersten Preis gewann! Ordnung in die Zucht kam erst nach der Anerkennung des schweizerischen Standards im Jahre 1887. Fortan blieb nun die schweizerische Zucht tonangebend, auch wenn man sich auf dem Hospiz kaum daran hielt. Noch 1917 waren zum Beispiel auf dem Hospiz von 13 Hunden 12 Mantelhunde, und nur einer hatte Platten auf weissem Grunde. Die dunkle Maske fehlte allen. Acht Jahre später, 1925, waren alle Hunde klein, viele waren vollständig weiss, und alle hatten Ringelruten. 1890 gab Schumacher die Zucht auf. Das Publikum bevorzugte den schweren Typ mit Lang-haar, von dem Schumacher nichts wissen wollte. Der heutige Zuchtbestand geht aber weitgehend auf Schumachersche Hunde zurück. Dass dennoch der alte «Küherhundtyp» Barrys, den Schumacher angestrebt hatte, weitgehend verschwunden ist, rührt daher, weil auch Schumachers Hunde, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, keineswegs eine durchgezüchtete, reine Rasse waren. Die 36 Schädel von «Schumacher-Hunden» oder deren direkten Abkömmlmgen, die sich in der Sammlung der Albert-Heim-Stiftung befinden, zeigen eine relativ grosse Varianz in bezug auf Schädelform und Schädelgrösse und, damit zusammenhängend, sicher auch in bezug auf Körpergrösse, Lefzen- und Wammenbildung. Diese Verschiedenheiten sind auch heute noch nicht überwunden, und was Dr. Künzli 1899 über das Gangwerk der Hunde schrieb, das könnte auch heute geschrieben sein.
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