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Der Kampf um die Anerkennung als schweizerische Rasse

Die Gründer der SKG waren gleichzeitig die Gründer des St.-Bernhard-Clubs, woraus geschlossen werden darf, dass ein Hauptanliegen der jungen SKG die Erhaltung des Bernhardiners war, ging doch damals die Behauptung um, die Rasse sei längstens ausgestorben. So las man etwa im Richterbericht der ersten deutschen Hundeausstellung vom 14. bis 20. Juli 1862 in Hamburg, dass die St. Bernhardshunde gegenwärtig nichts anderes als Leonberger wären, denn «die alte echte Rasse ist bekanntlich schon längstens ausge- storben».

Dagegen wehrten sich die Schweizer, und im Band 1 des SHSB lesen wir deshalb:

«Es ist daher gewiss mit Freuden zu begrüssen, dass sich die SKG zur Aufgabe gestellt hat, die Hebung der Zucht dieses edlen Hundes zu fördern, den unreellen, gewissenlosen Händlern thunlichst das Handwerk zu legen und zur allgemeinen Kenntnis der Rasse für ferner Stehende nach Kräften zu wirken. Wir zweifeln nicht, dass sich unser Liebling in kurzer Zeit das ihm durch die Ungunst der Umstände entzogene Feld wieder zurück erobern wird. Alle jene langhaarigen Fixköter, die bis anhin unter dem ominösen Namen Alpenhund gesegelt haben, werden sich bescheidentlich mit dieser Titulatur befriedigt erklären, wenn nicht gar dem Kontingent der <edlen> Leonberger überantwortet werden...»

Dass der Verfasser dieser Zeilen das Wörtchen «edel» in Anführungszeichen setzt, weist auf die Gering- schätzung des Leonbergers durch die Bernhardinerleute hin. Man sah, vielleicht nicht zu Unrecht, im Leonber- ger - der damals noch vielfach weiss mit farbigen Platten war - einen ernsthaften Konkurrenten des Bern- hardiners um die Gunst der Hundefreunde.

Schon vor der Klubgründung hatten M. Siber, Dr. Th. Künzli und E. Baur am 14. Oktober 1883 einen ersten Standard, oder «Points», wie man damals sagte, aufgestellt. Eine erste Gelegenheit, diesen «Points» internationale Gültigkeit zu geben, erhoffte man sich vom kynologischen Kongress, der vom 21. bis 24. Mai 1886 in Brüssel stattfand und an dem die Schweizer durch die Herren B. Siegmund und Dr. Th. Künzli vertreten waren.

«In allseits ziemlich erregter Stimmung wurde diese Frage (der Bernhardiner-Standard, der Red.) in Brüssel debattiert, konnte aber vom Kongress nicht spruchreif erklärt werden, da eine Anzahl massgebender, kynolo- gischer Gesellschaften nicht vertreten waren», berichtete Künzli nachher.

Vor allem gegen die Annahme der schweizerischen «Points» waren die Deutschen, deren Vertreter den Schweizern «in unverblümter Weise zu verstehen gab, dass die Schweiz in dieser Frage eigentlich nicht mitzusprechen habe, da sie überhaupt bis anhin nichts geleistet und noch nie auf internationalem Boden konkurriert habe».

Das wollten nun freilich die Schweizer nicht auf sich sitzen lassen, und so wurde der St.-Bernhards-Club im April 1887 vom Vorstand der SKG beauftragt, einen internationalen Kynologen-Kongress nach Zürich einzuladen. Der Einladung «wurde fast allgemein Folge geleistet», und am 2. Juni desselben Jahres kam man im Hotel «BeIlevue» in Zürich zusammen und diskutierte abermals über den Bernhardiner-Standard. Hier setzte sich nun der schweizerische Standpunkt durch und «im Bewusstsein, nur das Beste gewollt zu haben, reichte sich Freund und Gegner in freundlichst gehobener Stimmung die Hand». Fortan galt nun der St. Bernhardshund offiziell als schweizerische Rasse, und an Ausstellungen musste nach dem schweizerischen Standard gerichtet werden, nur England blieb abseits, dagegen entschieden sich kurioserweise die Schotten für die Schweizer. Dieser erste Standard bestimmte nun fortan das Bild des Bernhardiners und wurde seither nur in sehr unwesentlichen Punkten geändert. Grossen Wert legte man damals jedoch auf «einfache oder doppelte Sporren», also Afterkrallen an den Hinterfüssen; diese mussten tief angesetzt sein und annähernd auf der Höhe der Sohlenfläche stehen, weil man glaubte, der Hund würde so im Schnee weniger einsinken. Dass die Hunde mit diesen «Doppelsporren» einen unschönen Gang hatten und die Füsse mehr oder weniger stark nach aussen drehen mussten, um überhaupt gehen zu können, nahm man in Kauf.

Die Statuten des jungen Klubs enthielten Bestimmungen, die noch heute einem Rasseklub wohl anstehen würden, wie zum Beispiel die «gegenseitige Unterstützung der Mitglieder unter sich, durch freundschaftlichen Austausch guten Zuchtmaterials und allfälliger gegenseitiger Überlassung von guten Deckhunden...»

Wo, so muss man sich fragen, gibt es das heute? Heute, da sich die Züchter gegenseitig das Bauchweh und das Zahnweh missgönnen.

Die Anerkennung des schweizerischen Standards war ein grosser Erfolg für den jungen Klub, aber es ging, wie es eben oft geht, der erste Elan verflog, und offensichtlich stand bald einmal das Geschäft mit dem Hund im Vordergrund, und der anfänglich so hochgemut zur Schau getragene Idealismus machte schnödem Geschäftssinn Platz.

Man nahm es auch mit der Reinrassigkeit der Hunde nicht mehr so genau, wird doch in der «Tierbörse» vom 15. Dezember 1898 geklagt: «Es kommt nicht selten vor, dass Hunde als Bernhardiner in den Handel gelangen, welche weit entfernt davon sind, diesen Namen zu verdienen.»

Die Preise waren auch nicht mehr, was sie ehedem waren, als die Engländer alles aufkauften, was nur irgendwie nach einem Bernhardiner aussah. So finden wir in der «Tierbörse» Inserate folgenden Wortlautes:

«Bernhardinerhündin mit 6 Jungen, mit Stammbaum, alle zusammen Fr. 150.-».

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass 1883 in Zürich Bernhardiner für Fr. 800.- gehandelt wurden, zwei gar für Fr. 1000.- verkauft wurden, und 1893 ein Kurzhaar- Rüde den Preis von Fr. 1000.- erzielte, so muss gegen Ende der neunziger Jahre ein arger Preiszerfall für Bernhardiner eingetreten sein.

Die Hundeausstellungen waren Hundehandelsmärkte. In Zürich wurden 1893 von 500 ausgestellten Hunden deren 245 im Katalog als verkäuflich ausgeschrieben.

Ob diese Inflation zum Zerfall des Klubs beitrug? Wer will es nachträglich noch so genau wissen?

 

 

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Letzte Aktualisierung: 04-03-2010