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Neugründung 1900

Der 1884 in Basel gegründete Klub zählte nie viele Mitglieder; konkrete Zahlen fehlen jedoch. Sonderbar ist auch, dass Dr. Th. Künzlis «privater» St.-Bernhards-Klub, «Barry-Club» genannt, der SKG nie beitrat, obschon Dr. Künzli zeitweise Präsident der SKG war. Er besass ja bisweilen an die 100 Bernhardiner und hätte dem Klub sicher eine ansehnliche Mitgliederzahl stellen können. Wie dem auch sei, jedenfalls schien der St.-Bernhards-Club allmählich in Vergessenheit zu geraten, lesen wir doch in der «Tierbörse» vom 27. Januar 1900: «Der bestehende St.-Bernhards-Club, von dessen Existenz die wenigsten Züchter in der Schweiz überhaupt etwas wussten, setzte sich seit langer Zeit aus ganzen zwei Mann zusammen.» Um am 15. Mai 1893 schrieb Dr. Th. Künzli, dass durch den Tod von Herrn Bernhard in Worb der ehemalige St.-Bernhards-Club endgültig eingegangen sei und noch ein Kassarest von Fr. 80.- einem neuen Klub zur Verfügung stehe.

So erschien denn in der «Tierbörse» vom 2. Dezember 1899 ein Aufruf zur Gründung eines schweizerischen St.-Bernhard-Clubs, der Mitglied der SKG werden sollte. Und schon eine Woche später schreibt Redaktor Tagmann: «Der Gedanke scheint auf guten Boden zu fallen, die Anmeldungen laufen zahlreich ein. Die konstituierende Versammlung soll am 15. Januar in Olten stattfinden.» Unter den Initianten finden wir so bekannte Namen wie Tagmann und Steiner in Goldau, dessen Zwinger den älteren St. Bernhardsleuten noch heute ein Begriff ist. Wie unbekannt der bestehende Klub unterdessen geworden war, zeigt auch eine Einsendung vom 23. Dezember 1899, in der ein Bernhardiner-Züchter schreibt: «Die Gründung eines Schweizerischen St.-Bernhard-Clubs begrüsse ich mit grosser Freude und erlaube mir gleichzeitig die Behauptung aufzustellen, dass es eigentlich für die Schweiz. Kynologie eine Schande bedeutet, dass ein solcher nicht schon lange ins Leben gerufen worden ist.»

Am 6. Januar 1900 wurde eine erste Mitgliederliste veröffentlicht, darunter finden wir, neben Karl Steiner aus Goldau, auch die bekannten Bernhardinerzüchter Major Blösch aus Biel und Barthlome' aus Solothurn.

Die konstituierende Versammlung fand dann am 18. Februar 1900 im Bahnhofrestaurant in Olten statt, und zwar «trotz dem unheimlichen Gespenst Influenza, das in den meisten Städten der Schweiz gegenwärtig sein Unwesen treibt und auch dem Initiativkomitee an den Kragen zu gehen suchte ... ». Anwesend waren unter anderem auch der damalige SKG-Präsident Staub und der Verleger des «Centralblattes für Jagd- und Hundeliebhaber», A. Müller. (Das «Centralblatt» wurde in der Folge das offizielle Organ der SKG und darf als direkter Vorläufer unseres «Hundesports» betrachtet werden.)

Das Protokoll, in gestochen schöner Frakturschrift von Ad. Tagmann verfasst, ist erhalten geblieben, wie auch die nachfolgenden Protokolle; dagegen scheint vom ersten Klub aus dem Jahre 1884 nichts mehr vorhanden zu sein. Der zum Tagespräsidenten gewählte J. Müller aus Bern umriss den Zweck der Gründung eines St.-Bernhard-Clubs mit den Worten: «Es ist die höchste Zeit, dass wir uns mit allem Nachdruck unserem St. Bernhardshund annehmen, wenn nicht die Zeit herankommen soll, wo durch die ungeordneten Verhältnisse, wie sie jetzt sowohl in der Ungewissenhaftigkeit der Züchter, als auch im Handel bestehen, den reellen Züchtern jede Lust und Freude zur Sache vergeht und damit unser Landeshund zurück gehen wird.» Man war offensichtlich unsicher geworden, wie ein Bernhardiner überhaupt auszusehen habe, sagte doch der nachher zum 1. Vizepräsidenten des Klubs gewählte H. Kohler aus Basel: «Wie soll unser Nationalhund im Geist und Körper beschaffen sein? Was ist Hospiztypus? Wie soll der echte St. Bernhardshund aussehen? »

Als Vorstand des neuen Klubs finden wir recht bekannte Namen, wie Müller-Häberli, Bern, als Präsident, Kohler-Grütter, Basel, als Vizepräsident, Redaktor A. Tagmann, Bern, als Sekretär, und E. Heiz, Basel, als Kassier. Der Klub wurde «Schweizerischer St.-Bernhards-CIub (S.K.G.)» benannt, womit schon in der Namensgebung bekundet wird, dass er von Anfang an Mitglied der SKG war, was ja wohl auch durch die Anwesenheit des SKG-Präsidenten Staub an der Gründungsversammlung dokumentiert worden war. Staub zerstreute denn auch vorgebrachte Befürchtungen, man könnte mit dem Namen mit dem alten Klub in Kollision kommen, als völlig unbegründet, da dieser Klub praktisch nicht mehr bestehe.

Der Jahresbeitrag wurde auf Fr. 15.- festgesetzt, jedes Vorstandsmitglied erhielt den Auftrag, binnen acht Tagen dem Präsidenten einen Statutenentwurf einzureichen.

Man hatte damals noch Sinn für Poesie, schliesst doch das Protokoll der Gründungsversammlung mit folgenden Worten:

«Es ist 4 Uhr 30 und die Dampfrosse, welche unsere kynologischen Freunde nach allen Richtungen wieder heimwärts führen sollen, fauchen erbärmlich in der neuen Bahnhofhalle.»

Offensichtlich hatten die Vorstandsmitglieder ihre «Hausaufgabe» ernst genommen, denn schon acht Tage später, also am 25. Februar, wurden die Statuten in einer fünfstündigen Sitzung durchberaten und zugleich die Führung eines eigenen Bernhardiner-Stammbuches beschlossen. In diesem Zuchtbuch wurde ein Doppelregister geführt, nämlich für

  1. reingezüchtete St. Bernhardshunde (Hospitzblut) und
  2. für gemischtes Blut (Kreuzungen)

Unter "a" wurden Hunde eingetragen mit einem «Certificat» vom Grossen St. Bernhard oder direkte Abkömmlinge von Hospizhunden, und unter "b" trug man Hunde mit zweifelhafter Abstammung ein. Ein Hund mit doppelten, tief angesetzten Afterkrallen galt als von besserer Abstammung als ein Hund ohne oder nur mit einfachen Krallen. Man stützte sich dabei auf ein Gutachten des Priors des Hospizes, der erklärt hatte, er betrachte einen Hund ohne doppelte Afterkrallen als nicht rassenrein.

Doch es gab schon damals vernünftige Leute, und so sagt einer ganz unverblümt im «Centralblatt»: «Selbst die Erklärung des Priors ist nicht kompetent. Dieses Vorgehen ist nicht richtig, da wir nicht auf Sporren, sondern auf Typ züchten sollen.» Der Mann dachte durchaus logisch, denn, so sagte er, im gleichen Wurf liegen Welpen mit und solche ohne «Doppelsporren»; sollen nun diejenigen, die keine «Sporren» tragen, nicht rassenrein sein, da sie doch von denselben Eltern stammen, wie die mit den «Doppelsporren»?

So weit, so gut!

In den folgenden Jahren entwickelte der Klub eine rege Tätigkeit. Aber welcher Klub war es nun, der da aktiv in Erscheinung tritt? Der alte von 1884 oder der neue von 1900? Sicher bestand der alte Klub noch während einiger Zeit neben dem neuen, aber irgendwelche Spuren hat er offensichtlich nicht mehr hinterlassen, und wenn etwa noch behauptet wird, der neue Klub habe sich wieder aufgelöst und der alte hätte weiterbestanden, so beruht diese Fehlinformation offenbar auf dem Bericht von H. Straumann in der Festschrift «50 Jahre SKG», den man an der entsprechenden Stelle ganz gut lesen muss, um nicht falsche Schlüsse zu ziehen. Tatsache ist, dass man von einer Auflösung des alten Klubs nichts Schriftliches findet, Tatsache ist aber auch, dass alle Einsendungen im «Centralblatt» vom neuen Klub stammen und dass die die Protokolle unterzeichnenden Personen diejenigen des neuen Klubs sind. So löst offensichtlich Steinegger den Präsidenten Kohler-Grütter ab, und in einem Protokoll der Generalversammlung vom 19. Februar 1904 lese ich unter anderem .... die vom früheren SBC erhaltenen Richard Strebelschen Bernhardinerbilder sind nach Antrag Staub zu verwenden». Offensichtlich hat hier der neue Klub den alten beerbt. Das wird im Jahresbericht 1904/05 nochmals bestätigt durch den Protokolleintrag, wonach das gesamte Vermögen des früheren Klubs, also offenbar des Klubs von 1884, im Betrage von Fr. 1368.58, sowie «ein wertvolles Archiv bedingungslos dem neuen Club zu Eigentum vermacht» worden sei. Der neue Klub zählte jetzt 40 Mitglieder und hatte ein Vermögen von Fr. 2790.-.

Dass der alte Klub von 1884 wohl endgültig gestorben war, geht auch aus dem oben zitierten Artikel von H. Straumann hervor, in dem er sagt: «Am 15. September 1903 war Dr. Künzli gestorben. Die andern noch vorhandenen Mitglieder des Klubs von 1884 hatten sich mit den führenden Mitgliedern des neuen Klubs vereinigt ... Mit vereinten Kräften konnte man als Fortsetzung des Klubs von 1884 dessen damals gestellte Ziele weiter verfolgen.»

Doch auch dem neuen Klub blieben vorerst Streitereien nicht erspart. Seit jeher gibt es offenbar in jedem Rasseklub «Sonderbündler» und Spaltpilze, das hat sich bis auf den heutigen Tag nicht geändert. Grund zu Differenzen gab das bereits beschriebene Doppelregister im Bernhardinerstammbuch. Dr. Künzli war von Anfang an dagegen (begreiflicherweise, denn unter seinen bisweilen 100 Bemhardinern waren sicher nicht alle Hospizabkömmlmge), aber auch die Ausländer, vorab die deutschen Züchter, reagierten unfreundlich auf eine solche Trennung in «Hospizhunde» und «Hunde zweifelhafter Abstammung». Die SKG lehnte dieses Zuchtbuch ebenfalls ab (Dr. Künzli war Mitglied des SKG-Vorstandes!), und so stellten denn die Anhänger dieses Zuchtbuches an der Generalversammlung von 1903 den Antrag auf Austritt aus der SKG. Sie blieben aber in der Minderheit und traten wohl zum Teil aus dem Klub aus. Von da weg gab es Ruhe. Man widmete sich wiederum züchterischen Problemen, vor allem standen sich immer wieder - ebenfalls bis auf den heutigen Tag - die Anhänger des alten «Barry-Typs», also des beweglichen, wohl grossen, aber nicht allzu schweren Gebrauchshundes, und die Anhänger des schweren Doggentyps einander gegenüber.

Diese verschiedenen Ansichten über die Interpretation des Standards datieren recht weit zurück. Riesenhunde mit schweren «Mopsköpfen» erzielten um die Jahrhundertwende hohe Preise, so etwa der Hund «Sir Bevidere», der 104 kg wog und für Fr. 32‘500.- nach Amerika verkauft worden war; oder der viel zitierte «Plinlimon», der für Fr. 27‘000.- verkauft worden war und der 116 kg auf die Waage brachte. Ein Koloss muss auch der Rüde «British Lion» mit seinen 98 kg gewesen sein.

«Man sollte sich hüten, eine Karikatur als Ideal aufzustellen ... Die ursprünglichen Hospizhunde, wie wir sie auf alten Bildern sehen und wie der alte Barry im Museum sie vertritt, hatten keine Spur von Mopsbildung», wird 1895 im «Centralblatt» gewarnt. Doch die Engländer bevorzugten eben den Hund mit dem «Mopskopf», den «Alpenmastiff», wie sie den Bernhardiner in Anlehnung an die heimischen Mastiffs nannten, und weil schon damals die Nachfrage das Angebot bestimmte, war der Trend zum schweren Hund mit dem grossen, runden Schädel unverkennbar. Zur Ehre der Leiter des St.-Bernhard-Clubs muss man aber sagen, dass sie sich von Anbeginn an gegen diese falsche, der Rasse abträgliche Zuchtrichtung gestellt haben, leider nicht mit dem wünschenswerten Erfolg.

 

 

 

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Letzte Aktualisierung: 03-01-2012